Manchmal führen uns „Herr der Ringe“-Drehorte auf Wege, die wir so wahrscheinlich nie genommen hätten. Bei der Kawarau Gorge Suspension Bridge war das ganz besonders so. Erst holperten wir auf der anderen Seite über eine ziemlich abenteuerliche Schotterstraße Richtung Weingut, später standen wir auf der berühmten Hängebrücke und blickten hinunter in die tiefe Schlucht, die im Film zum großen Fluss Anduin wurde.
Eine Schotterstraße mit leichtem Nervenkitzel
Bevor wir zur eigentlichen Brücke kamen, fuhren wir zunächst auf der anderen Seite hinauf. Unser Gedanke war, dass wir von dort vielleicht einen besonders schönen Blick auf den Kawarau River bekommen würden. Schließlich wurde diese Landschaft in „Der Herr der Ringe“ für eine der eindrucksvollsten Flussszenen genutzt.
Der Weg dorthin war allerdings deutlich spannender als die Aussicht. Die Straße war schmal, unbefestigt und ließ im Grunde nur ein Auto gleichzeitig zu. Auf der einen Seite ging es steil hinunter, auf der anderen Seite standen die Felsen direkt neben uns. Dazu gab der Boden an manchen Stellen leicht nach. Das war schon ein kleines Abenteuer und nicht unbedingt die Strecke, auf der man entspannt plaudernd dahingleitet.
Die erhoffte Sicht auf den Fluss blieb dann leider etwas hinter unseren Erwartungen zurück. Man konnte die Landschaft erahnen, aber nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Also fuhren wir vom Eingang des dortigen Weinguts, zu dem die Schotterstraße gehörte, wieder zurück zur Kawarau Gorge Suspension Bridge selbst.
Die Brücke und das Bungee-Center
An der Brücke angekommen, wirkt alles sofort deutlich organisierter. Hier ist nicht einfach nur ein historisches Bauwerk, sondern ein richtiges Besucherzentrum in den Hang gebaut. Das fanden wir tatsächlich sehr gelungen. Man kann sich umschauen, auf die Brücke laufen, in die Schlucht schauen und natürlich den Menschen zusehen, die sich freiwillig in die Tiefe stürzen.
Für uns wäre das erst einmal nichts gewesen. Während wir dort standen, sprangen tatsächlich mehrere Leute von der Brücke. Dieses kurze Zögern, der Absprung, der freie Fall über dem türkisgrünen Kawarau River – allein beim Zuschauen zieht sich schon kurz der Magen zusammen.
Die Kawarau Gorge Suspension Bridge gilt als Geburtsort des kommerziellen Bungee-Jumpings. In den 1980er-Jahren startete A. J. Hacketts Bungee-Betrieb hier, und seitdem ist die Brücke nicht nur historisches Bauwerk, sondern auch ein Magnet für Adrenalin-Fans. Engineering New Zealand beschreibt die Brücke als 1880 fertiggestelltes Wahrzeichen, das in den 1980ern durch den ersten kommerziellen Bungee-Jump der Welt ein zweites Leben bekam.
Eine Brücke mit langer Geschichte
Die Brücke selbst ist deutlich älter als die heutige Action-Kulisse vermuten lässt. Sie wurde 1880 eröffnet und galt damals als technische Meisterleistung. Heritage New Zealand beschreibt sie als wichtigen historischen Übergang, der die Verbindung ins Landesinnere erleichterte und zur Zeit ihrer Eröffnung den wohl längsten Einzelfeld-Span im damaligen Kolonialgebiet hatte.
Wenn man auf der Brücke steht, versteht man sofort, warum dieser Ort technisch anspruchsvoll war. Die Schlucht ist tief, der Fluss liegt weit unter einem, und die Felswände rücken eng zusammen. Eine Brücke hier zu bauen, war sicher keine Kleinigkeit.
Heute läuft man ganz bequem darüber, schaut durch das Geländer nach unten und sieht den Kawarau River unter sich. Trotzdem bleibt dieses Gefühl: Rechts und links geht es einfach nur hinunter. Genau das macht den Ort so eindrucksvoll.
Der Anduin und die Argonath
Unser eigentlicher Grund für den Stopp war natürlich Mittelerde. Die Kawarau Gorge wurde in „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“ als Teil des Flusses Anduin genutzt. Hier fährt die Gemeinschaft des Rings in Booten durch die Schlucht und passiert die Argonath, die gewaltigen Säulen der Könige. Das Department of Conservation nennt die Kawarau Suspension Bridge ausdrücklich als Drehort für diese Szene: Die Gefährten passieren hier die „Pillars of the Kings“ auf dem Anduin.
Die riesigen Königsfiguren, die im Film links und rechts aus den Felswänden ragen, stehen dort natürlich nicht wirklich. Sie wurden digital in die Landschaft eingefügt. Aber genau das fanden wir spannend: Die Grundlage für diese Szene ist trotzdem real. Die enge Schlucht, der Fluss, die dramatischen Felswände und dieses Gefühl, durch ein natürliches Tor zu fahren – all das bringt der Ort schon mit.
Von der Brücke aus sieht man zwar nicht exakt die Filmszene wie auf der Leinwand. Der Blickwinkel ist ein anderer, und ohne Boote, Filmmusik und digitale Argonath ist es natürlich ein ganz anderer Eindruck. Aber die Landschaft erklärt sofort, warum sie ausgewählt wurde.
Ein kurzer, aber besonderer Stopp
Wir blieben ungefähr eine Dreiviertelstunde dort. Das reichte gut, um über die Brücke zu laufen, in die Schlucht zu schauen, ein bisschen durch das Center zu gehen und den Bungee-Springern zuzusehen. Länger muss man nicht unbedingt bleiben, wenn man selbst nicht springt. Aber als kurzer Stopp zwischen Queenstown, Gibbston und den Weingütern lohnt sich der Ort sehr.
Besonders gefallen hat uns diese Mischung: historische Brücke, spektakuläre Schlucht, moderner Bungee-Betrieb und ein echter „Herr der Ringe“-Drehort. Das ist schon ziemlich viel für einen einzigen Halt am Straßenrand.











