Um 16 Uhr in Otranto: Wir fröstelten vor ca. 800 Schädeln, staunten über ein mittelalterliches Mega-Mosaik und tauchten in die Krypta ein – Geschichte, die unter die Haut ging.
Duomo Santa Maria Annunziata: Otrantos blutiges Erbe
Wir schlenderten gegen 16 Uhr durch die engen Gassen von Otrantos Altstadt und standen schließlich vor der von außen gar nicht mal so beeindruckenden Santa Maria Annunziata. Diese romanische Kathedrale, 1088 unter normannischer Herrschaft begonnen und im 12. Jahrhundert mit byzantinischen Einflüssen erweitert, ist aber mehr als ein Gotteshaus – sie ist ein Mahnmal für eine der blutigsten Stunden Italiens. Von außen wie gesagt ein bisschen unscheinbar, doch drinnen wartete eine Reise durch 1.000 Jahre Geschichte, die uns nicht mehr losließ.
Die dunkle Geschichte von 1480
Alles begann mit dem Massaker von Otranto im Sommer 1480. Die osmanische Flotte unter Gedik Ahmed Pascha landete mit 90 Schiffen und 18.000 Mann, eroberte die schlecht befestigte Stadt nach nur acht Tagen. Herzog Alfonso von Aragonien hatte Otranto aufgegeben, die 800 verbliebenen Verteidiger – Fischer, Bürger und Kleriker – weigerten sich jedoch, zum Islam zu konvertieren. Auf dem Hügel Minerva della Scala ließ der Pascha sie dann enthaupten. Ihre Gebeine lagerte man zunächst draußen, Papst Sixtus IV. ließ sie 1481 bergen. 2013 kanonisierte Benedikt XVI. die insgesamt 813 Märtyrer – heute ruhen ihre Gebeine alle in der Kathedrale als Heilige.
Gänsehaut pur: Cappella dei Martiri
Wir betraten als Erstes die Cappella dei Martiri rechts der Apsis – und erstarrten. An den Wänden der kleinen Kapelle stapeln sich hinter Glasscheiben 813 Schädel (nicht exakt 800, wie oft gesagt) und Tausende Knochen der Enthaupteten. Ein erdrückendes Zeugnis von Glauben und Grausamkeit, das uns den Atem raubte.
Das Weltwunder-Mosaik von Pantaleone
Nach diesem Schock lenkte uns das Bodenmosaik in der Kirchenmitte ab – ein absolutes Meisterwerk. Zwischen 1163 und 1165 schuf der Mönch Pantaleone vom Kloster San Nicola di Casole dieses 1.596 m² große Kunstwerk mit 10 Millionen Steinchen in leuchtendem Blau, Rot und Gold. Im Zentrum der Baum des Lebens, dessen Wurzeln sich zu einem apokalyptischen Riesenbaum verweben. Wir entdeckten Adam und Eva (er ohne Feigenblatt ;-)), Noahs Arche, den Turm zu Babel, Alexander den Großen in einem U-Boot-ähnlichen Gefährt und sogar ein Schachbrett. Tierkreiszeichen, Fabeltiere (Einhorn, Greif) und der „Reiter der Apokalypse“ mischen Bibel, Antike und Mythos – ein mittelalterlicher Comic, der die Gläubigen belehren sollte. Wirklich sehr beeindrucken und wieder erdend nach den vielen Schädeln.
Abstieg in die uralte Krypta
Neugierig folgten wir zum Schluss noch den Stufen hinab in die Krypta unter dem Hochaltar – 42 Säulen aus römischem Marmor tragen ein sternförmiges Gewölbe. Das wirkt heutzutage alles sehr clean und eher modern, aber wir stellten uns dennoch vor, wie Mönche vor 900 Jahren hier wohl beteten, während oben die Kämpfe wüteten.
Um 16 Uhr war die Duomo insgesamt recht ruhig, nur wenige Besucher teilten unsere Ehrfurcht. Dieser Nachmittag prägte sich aber ein: das Grauen der Schädel, die Schönheit des Mosaiks, die modern anmutende Krypta – Otrantos Duomo ist wirklich einen Besuch wert!


















