In Neuseeland begegneten uns Possums nicht zuerst im Wald, sondern auf der Straße – als tote Tiere. Über ein ziemlich spezielles Kapitel neuseeländischer Naturgeschichte.
Warum hier so viele Possums liegen
Wer mit dem Auto durch Neuseeland fährt, merkt irgendwann, dass tote Possums auf den Straßen fast zum Landschaftsbild gehören. Das klingt etwas hart, aber genau so haben wir es erlebt. Auf langen Fahrten über Landstraßen lagen immer wieder Kadaver am Rand oder mitten auf der Fahrbahn.
In Deutschland würde man vermutlich sofort zusammenzucken und sich fragen, warum dort so viele Tiere überfahren werden. In Neuseeland ist die Wahrnehmung aber eine gänzlich andere. Possums gelten dort nicht als süße Wildtiere, sondern als invasive Plage. Das australische Brushtail Possum wurde 1837 nach Neuseeland gebracht, ursprünglich mit der Idee, eine Pelzindustrie aufzubauen. In Australien ist es ein heimisches und geschütztes Tier, in Neuseeland wurde es dagegen zu einem der problematischsten eingeführten Schädlinge – was auf der einen Seite der Tasmansee zur natürlichen Tierwelt gehört, wird auf der anderen Seite zu einem massiven Problem.
Vom Pelztier zur Plage
Die Idee war damals eigentlich wirtschaftlich gedacht. Man setzte Possums aus, um ihr dichtes Fell nutzen zu können. Doch wie so oft, wenn Menschen fremde Tiere in ein bestehendes Ökosystem bringen, in das sie nicht gehören, entwickelte sich die Sache anders als geplant. Und meist exponentiell.
Die ersten Versuche waren offenbar nicht erfolgreich, doch man probierte es weiter. Bereits 1921 wurde die weitere Einfuhr zwar verboten, aber da hatten sich die Tiere schon bereits stark verbreitet. Heute kommen Possums auf dem neuseeländischen Festland und auf Stewart Island fast überall vor. Auf einigen vorgelagerten Inseln wurden sie inzwischen wieder ausgerottet, aber auf den Hauptinseln sind sie weiterhin ein großes und für die Einwohner ärgerliches Thema.
Warum Possums für Neuseeland so problematisch sind
Neuseelands Tierwelt hat sich über sehr lange Zeit nämlich ohne viele landlebende Säugetier-Räuber entwickelt. Viele heimische Vögel brüten am Boden oder sind wenig auf solche Feinde vorbereitet – zum Beispiel die Kiwis. Eingeführte Tiere wie Ratten, Hermeline, Katzen und eben auch Possums haben deshalb massive Auswirkungen.
Possums fressen Blätter, Knospen, Früchte und Blüten einheimischer Pflanzen. Sie schädigen Wälder, konkurrieren mit heimischen Arten um Nahrung und können auch Eier sowie Jungvögel fressen. Daher sind sie nun eine ernsthafte Bedrohung für die einheimische Natur. Dazu kommt noch ein weiteres, eher landwirtschaftliches Problem: Possums können Rindertuberkulose übertragen. Seit den 1970er-Jahren werden sie deshalb auch im Zusammenhang mit dem Schutz von Viehbeständen kontrolliert.
Zwischen Mitleid und Verständnis
Trotzdem bleibt es ein seltsames Gefühl. Wir sahen diese Tiere überall tot am Straßenrand und natürlich löst das erst einmal Mitleid aus. Gleichzeitig merkt man in Neuseeland schnell, dass Naturschutz hier oft eine harte (und notgedrungen sehr konsequente) Seite hat.
Das Land versucht seit Jahren, eingeführte Schädlinge zurückzudrängen, um seine einzigartige Vogelwelt und Pflanzenwelt zu schützen. Und dann steht man im Souvenirshop plötzlich vor einer Tüte Süßigkeiten mit dem Namen „Squashed Possums“. Schokoladen-Kokos-Stücke, verpackt mit einem plattgefahrenen Cartoon-Possum auf der Straße. Im ersten Moment mussten wir wirklich zweimal hinschauen. Es ist makaber, keine Frage. Aber es zeigt auch ziemlich gut, wie präsent dieses Thema in Neuseeland ist.
Unser Fazit
Die vielen toten Possums am Straßenrand waren für uns eine dieser Beobachtungen, die man nicht vergisst. Manchmal kann man ihnen auch mit dem Mietwagen gar nicht mehr richtig ausweichen und muss noch einmal drüberfahren. Mit etwas Hintergrundwissen weicht das komische Gefühl aber dem größeren Thema: Neuseelands Kampf um seine empfindliche Natur.
Possums sind hier nicht nur Tiere, die leider überfahren werden. Sie stehen für eine Geschichte von (zumindest wirtschaftlich) gut gemeinten, aber fatalen Eingriffen in ein fragiles Ökosystem. Nicht schön, aber sehr typisch für dieses Land, in dem Naturschutz manchmal eben auch unbequem ist. Diese Konsequenz und Ernsthaftigkeit, wie das dort gelebt wird, gefiel uns wiederum sehr gut.

